Regiekommentar

Yves habe ich bei den Dreharbeiten zu meinem ersten Film kennengelernt. Zwei Jahre später traf ich ihn in den marokkanischen Wäldern wieder. Müde, ausgemergelt, heimatlos. Er war abgeschoben worden und hatte sich sofort wieder auf den Weg gemacht. Nicht einen Augenblick hatte er darüber nachgedacht, in Kamerun zu bleiben, keinen weiteren, seiner Familie ein Lebenszeichen von sich zu geben. Wie konnte das sein? Warum war es so unmöglich zurückzukehren?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie fassungslos ich war, als Yves mir erzählte, dass er es nach seiner Abschiebung aus Spanien nicht übers Herz gebracht hatte, seiner Familie in Kamerun unter die Augen zu treten. Ohne ihnen ein Lebenszeichen von sich zu geben, hatte er sich erneut auf den gefährlichen Weg gemacht. Die Schande, die eine Heimkehr mit leeren Händen bedeutet, konnte ich damals noch nicht nach empfinden. Je mehr ich versuchte Yves’ Geschichte nachzuvollziehen, desto weiter tauchte ich ein in die Dynamik einer kamerunischen Familie: Yves’ Schwester, die nicht versteht, warum er so lange nicht anruft. Der Bruder, der die Rolle des Ältesten an ihn abgegeben hat. Sein Vater, der Yves den Segen der Ahnen schickt, damit er sein Ziel erreichen möge.

Im Laufe der Dreharbeiten wurde ich zur Botin. Ich pendelte ich zwischen den Welten der hoffnungsvollen Familie in Kamerun und Yves, der es nicht übers Herz bringt einzugestehen, dass der vielgeträumte Traum von Europa sich für ihn nicht zu erfüllen scheint. Yves’ Aufbruch gleicht einem unwiderruflichem Versprechen auf ein besseres Leben – eine Hoffnung, die Yves nicht zu enttäuschen wagt.

Melanie Gärtner